Eine Crowdinvesting-Runde über 3,7 Mio. EUR strebt Urbanara auf der Plattform Bergfürst an – per Aktienemission. Warum der Onlineshop diese Finanzierungsart wählt, erklärt CEO Benjamin Esser.
VC Magazin: Das Urbanara-Team hat schon Erfahrungen mit „klassischen“ Venture Capital-Investoren gemacht und wendet sich nun dem Crowdinvesting zu. Was spricht für das eine und was für das andere Finanzierungsmodell?
Esser: Bis die Crowdinvesting-Welle kam, war Venture Capital – sei es von Business Angels oder Venture Capital-Gesellschaften – der einzige Weg für Jungunternehmen, Eigenkapital aufzunehmen. Über Fremdkapital kann man sich als Start-up, das noch nicht profitabel ist, nach wie vor nicht finanzieren – auch wenn gerade in Deutschland die ersten Venture Debt-Aktivitäten anlaufen. Überzeugt hat uns bei Bergfürst der Marketingmehrwert, da wir schon relativ lange darüber noch gedacht haben, wie wir unsere Stakeholder und Kunden zu Teilhabern des Unternehmens machen können. Wenn man wie wir versucht, eine Marke aufzubauen, dann braucht man dafür Menschen, die die Marke auch in den Markt tragen. Dafür eignet sich unserer Meinung nach dieser Weg sehr gut.
VC Magazin: Im Regelfall laufen Finanzierungen andersherum ab, erst Crowdinvesting, dann Venture Capital. Wie beurteilen die Wagniskapital-Investoren Ihren Schritt?
Esser: Anfangs waren die Altgesellschafter sehr skeptisch – genau wie ich selbst auch. Insbesondere der Aufwand, den ein solches IPO mit sich bringt, machte unseren Kapitalgebern Sorge. Ein junges Unternehmen vor diese Menge Bürokratie zu stellen, ist eigentlich nicht üblich. Normalerweise sollte in dieser Phase der Fokus klar auf dem Aufbau des Geschäfts liegen. Nach längerer Prüfung entschieden wir gemeinsam mit den Investoren, dass der Mehrwert den Aufwand überwiegt und wir den Schritt wagen wollen. Gleichzeitig schlossen wir eine weitere Finanzierungsrunde mit den Altgesellschaftern über 820.000 EUR ab.
VC Magazin: Sind die Altinvestoren der Crowd gleichgestellt in Punkto Konditionen und Mitspracherecht?
Esser: Die Rechte sind sich sehr ähnlich. Der Shareholder-Vertrag zwischen den beiden Parteien ist ausgeglichen: Die Investoren, die über Bergfürst kommen, werden nicht benachteiligt. Signifikantester Unterschied ist der Drag-Along. Demnach dürfen im Falle eines Verkaufs die Altgesellschafter, die aktuell 85% an Urbanara halten, die Bergfürst- Investoren mitnehmen.
VC Magazin: Welchen Aufwand bedeutet ein Crowdinvesting-IPO für das Unternehmen – auch im Vergleich zu einer Finanzierungsrunde durch Venture Capital-Gesellschaften?
Esser: Der große Unterschied zu einer Finanzierungsrunde, die alles in allem von ersten Gesprächen bis Vertragsabschluss etwa zwei Monate dauert, ist der etwa 200-seitige Prospekt, den man schreiben muss. Außerdem werden alle Jahresabschlüsse geprüft und der gesamte Vorgang mit fünf bis zehn Rechtanwälten, Steuerberatern und Wirtschaftsprüfern abgearbeitet. Zeitlich ist der Aufwand aber relativ gleich.
VC Magazin: Sie reagierten auf den Vorstoß des Wirtschaftsministers zum neuen Neuen Markt kritisch und führten Crowdinvesting als Gegenargument an. Wo sehen Sie die Vorteile aus Sicht von Unternehmen und Anlegern?
Esser: Ich lehne einen neuen Neuen Markt nicht generell. Doch sollte man die Reihenfolge beachten: Wenn ich mich in Berlin und im gesamten Markt umsehe, sehe ich eine große Finanzierungslücke im Bereich von 2 bis 20 Mio. EUR. Diese Lücke schließt ein Neuer Markt nicht, hier wird man eher Emissionen zwischen 50 und 250 Mio. EUR realisieren können. Unternehmen dieser Größenordnung sehe ich momentan in Deutschland nicht. Deshalb stehe ich dafür, einen Schritt früher anzusetzen und die angesprochene Lücke zu schließen. Dann macht im Anschluss ein Neuer Markt auch Sinn.
VC Magazin: Parallel zum Crowdinvesting-IPO schießen die Altinvestoren rund 800.000 EUR nach und für das Frühjahr 2014 planen Sie eine weitere Finanzierungsrunde über knapp 2 Mio. EUR. Überwiegt vor diesem Hintergrund nicht der Marketingeffekt einer Finanzierung durch die Crowd den Zufluss an Kapital?
Esser: Sicherlich waren beide Faktoren wichtig für uns. Da wir das Kapital auch auf anderem Wege hätten einsammeln können, überwog eher der Marketing-Gedanke. Gleichzeitig hat zudem unsere Überzeugung, die Kunden zu Teilhabern zu machen, eine große Rolle gespielt.
VC Magazin: Mittels partiarischer Darlehen umgehen immer mehr Crowdinvesting-Plattformen die BaFin-Obergrenze von 100.000 EUR. Was sprach aus Ihrer Sicht für Aktien, also die Aufnahme von Eigenkapital, und damit auch für Bergfürst?
Esser: Bei den anderen Modellen fehlt aus unserer Sicht der wirkliche Mehrwert. In den meisten Fällen gibt es zwar einen gewissen Upside-Kicker, der an bestimmte Umsatzziele gebunden ist. Doch profitieren Anteilseigner nicht so unmittelbar wie beim Anstieg der Aktie. Das Risiko – der Totalverlust – ist in beiden Fällen gegeben.
VC Magazin: Der Online-Markt für Möbel ist laut allgemeiner Expertenmeinung der nächste Stern am E-Commerce-Himmel. Wo sehen Sie Ihren USP gegenüber anderen Anbietern?
Esser: Die bekannten Wettbewerber sind in den meisten Fällen Shoppingclubs und vertreiben Drittmarken. Der Kunde tätigt dort in der Regel Impulskäufe, bei denen er die Kaufentscheidung erst dann trifft, wenn er das Produkt sieht. Wir möchten mit Urbanara dorthin kommen, dass der Kunde ganz genau weiß, was er sucht oder braucht und dann unsere Website besucht. Wir beobachten auch, dass zunehmend andere Plattformen das Prinzip des offenen Katalogs annehmen. Mit diesen Marktteilnehmern werden wir uns messen müssen. Aufgrund der breiten Produktpalette dieser Anbieter sehen wir für uns die Chance, uns in Punkto Preis-Leistungs-Verhältnis abzugrenzen. Weitere Besonderheit bei Urbanara ist, dass wir tatsächlich nur Eigenmarken aus dem eigenen Herstellernetzwerk vertreiben.
VC Magazin: Welche Exit-Strategien sind für Urbanara denkbar?
Esser: Derzeit haben wir keine konkreten Exit-Pläne. Allerdings gibt es immer wieder sehr spannende Anfragen. Interessanter Weise kommen sie nicht von Giganten wie Otto und Amazon, sondern von Herstellerseite. Insbesondere chinesische und europäische Produzenten kommen auf uns zu, um Eigenmarken hausintern aufzubauen. Sie haben die Kompetenz und das Know-how, um Produkte herzustellen, aber wenig Ahnung von Markenaufbau oder E-Commerce. Ich bin überzeugt, dass in den nächsten Jahren viele Hersteller vertikal integrieren werden mit dem Ziel, ein direktes Fenster zum Endkunden aufzubauen. Hier könnte für Urbanara ein möglicher Exit liegen.
VC Magazin: Danke für das Gespräch!
Ein Interview mit Benjamin Esser zu den Details des Crowd-IPOs finden Sie auch hier.